Als Kind tauchte ich auf dem Estrich meiner Grosseltern in meine erste Bibliothek ein. Unermesslich grosse Regale mit alten Kinderbüchern standen dort. Die obersten Regale konnten wir Enkelkinder nur mit einer Leiter erreichen. Endlos viele Bücher warteten auf uns, von Lein-tüchern verdeckt. Wenn wir diese anhoben, wirbelten wir Staub auf. 

Es war dunkel, im Winter kalt und im Sommer heiss

Das perfekte Bücherparadies.

Drei, manchmal sogar fünf Bücher durften wir pro Besuch ausleihen. So reiste ich mit Kasperle um 

die Welt, mit Bibi durch Dänemark und mit den Burgkindern ins Mittelalter.  Dank alter Comicbände und Bilderbücher lernte ich die alte Deutsche Druckschrift lesen. Darum konnte ich mich auch in die Abenteuer von Karl May zu stürzen und in die herzzerreissenden Geschichten für grosse und kleine Hausmütterchen zu vertiefen.

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Der Anblick von alten, verstaubten Büchern macht mich heute noch lächeln. Bibliotheken sind mir weiterhin Zauberorte mit Schätzen, die zur Entdeckung bereit stehen.

bibliothek

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die vielen buchstaben

die nicht aus ihren wörtern können

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die vielen wörter

die nicht aus ihren sätzen können

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die vielen sätze

die nicht aus ihren texten können

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die vielen texte

die nicht aus ihren büchern können

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die vielen bücher

mit dem vielen staub darauf

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die gute putzfrau

mit dem staubwedel

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 Ernst Jandl (1925 - 2000)

die bearbeitung der mütze, 1978

Es gibt ein Buch, das heisst

Die Enzyklopädie der Engel.

Fünfzig Jahre lang hat es niemand geöffnet.

Das weiss ich genau, denn als ich es aufschlug,

knackte es in den Deckeln, und die Seiten

fielen auseinander. Dort entdeckte ich,

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dass die Engel einst zahlreich waren

wie die Unterarten der Fliegen.

In der Dämmerung wimmelte

der Himmel von ihnen.

Man musste mit den Armen rudern,

um sie abzuhalten.

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Jetzt scheint die Sonne 

durch die hohen Fenster.

Die Bibliothek ist ganz still.

Engel und Götter lauern

in dunkeln, nie geöffneten Büchern.

Das grosse Geheimnis steht 

auf irgendeinem Regal, und Miss Jones

geht dreimal am Tag daran vorbei.

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Sie ist so gross, dass sie den Kopf

immer seitwärts beugt, als lausche sie.

Die Bücher flüstern.

Ich höre nichts, sie aber versteht alles.

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 Charles Simic (1938)

Ein Buch von Göttern und Teufeln, 1993