Erzählen und Zuhören

Mein professioneller Hintergrund

Wenn Du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein 

lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstösst, darüber zu sprechen.

 Heinrich von Kleist (1777 - 1811)

Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden, 1805

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Erzähl es, damit du es besser verstehst. Das Erzählen ist für mich eine Möglichkeit, mir klar zu werden über bestimmte Heimsuchungen, über bestimmte Erlebnisse. Nicht um sie zu bilanzieren, sondern um sie durchschauen zu können.

 Siegfried Lenz (1926 - 2014)

Ein Gespräch mit Siegfried Lenz in “Die Zeit”, 2008

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Was die kleine Momo konnte, wie kein anderer, das war: zuhören. Das ist nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder.

Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.

Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie sass nur 

da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Dabei schaute  sie den anderen mit ihren grossen, dunklen Augen an und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auf-tauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten.

 Michale Ende (1929 - 1995)

Momo, 1973

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Erzählen und Zuhören gehören zu den Grundformen menschlicher Kommunikation. Unser Wissen ist entlang narrativer Strukturen geordnet, erzählend erklären wir uns und die Welt. Eine Erzählung ist durch den Erzähler und die Zuhörenden gleichermassen gestaltet: So ist das Erzählte fortlaufend auf alle Anwesenden abgestimmt und entsteht immer neu. Dieses Neue führt entsprechend zu immer neuen Ein- und Aussichten. 

Im Gesundheitswesen kümmern sich Verterterinnen der Narrativen Medizin um das Wissen darüber. 

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Erzähl mir eine Geschichte, Pew.

Was für eine Geschichte, Kind?

Eine Geschichte, die ein gutes Ende nimmt.

So etwas gibt es nirgendwo auf der ganzen Welt.

Es gibt keine Geschichte, die ein gutes Ende nimmt?

Es gibt keine Geschichte, die ein Ende nimmt.

 Jeannette Winterson (1959)

Der Leuchturmwärter, 2006

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Ein Überblick über Erzähltheorien gibt ein Text von Jürgen Straub: “Erzähltheorie / Narration”

in: Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie von Günter Mey und Katja Mruck, 2010, S. 136 - 150