Eugen Gendlin übersetzte meinen Artikel ins Englische. 

Er wählte den treffenden Titel: FINGERS ON THE PULSE

FOCUSING UND PFLEGE

Ich bin Pflegefachfrau und Focusing-Trainerin. Ich wurde angefragt, etwas zur Kombination dieser Gebiete zu schreiben. Ich vergegenwärtige mir also, wie Focusing meine Art zu pflegen verändert hat. Es tauchen Fallbeispiele aus meinem Pflegealltag auf. Ich will die Essenz dieser Beispiele zusammen-fassen. Lange Zeit trage ich dies in mir herum. Ich bin immer wieder in Kontakt mit dem Körpergefühl dazu. Es ist vage und bleibt in Bewegung. Das kenne ich gut von meiner Arbeit im Spital. Eine fühlbare, aber vage Spur zu einer bestimmten Situation. Es bewährt sich, an solchen Spuren dran zu bleiben. Es ergeben sich daraus verblüffende Einsichten und nächste Schritte. Auch in der Pflegeforschung wird diese Art des Körperwissens beschrieben. Professor E. Gendlin wird als Quelle genannt. (Beispiel: Benner P., Wrubel J.: „The Primacy of Caring – Stress and Coping in Health and Illness“, 1989).

Ich werde ungeduldig. Ich sollte diesen Artikel schon längst abgegeben haben. Vielleicht sage ich das Ganze ab. Zeitdruck und die Möglichkeit, die Arbeit beiseite zu legen, führen dazu, dass das Vage und Bewegte in mir brennender werden. Da will etwas nicht einfach verschwinden. Ich setze mich also hin. Focusing und Pflege, Focusing in der Pflege ... . Ich suche Begriffe, die das Gefühl dazu beschreiben. Nach kurzer Zeit wird ein Bild deutlich: Meine Finger am Puls.

Haben Sie Lust auf ein Experiment? Dann legen Sie einen oder mehrere Finger auf eine Stelle an ihrem Körper, an der Sie Ihren Puls fühlen können, z.B. am Handgelenk. Lassen Sie Ihre Finger am Puls ruhen. Beschreiben Sie, was Sie dabei alles wahrnehmen.

Ich selber spüre im Moment deutlich den Temperaturunterschied von meinen Fingerspitzen zu meinem Handgelenk. Die Fingerspitzen sind im Vergleich eiskalt. Und dann nehme ich das Pulsieren wahr. Zum einen über die Fingerspitzen, zum anderen aber auch an der Haut des Handgelenks. Die Pulswelle bewegt sich dort deutlich durch die Hautschichten. Der Puls ist klar, regelmässig und weich. Schneller, als es für mich normal ist. Ich überprüfe meine Beschreibung mit der Art, wie sich das Pulsieren anfühlt. Ja, so ist es.

Falls Sie noch eine Minute weitermachen wollen, lade ich Sie ein, die Finger weiter am Puls zulassen. Gehen Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit zum Brust- und Bauchraum. Pendeln Sie zwischen Ihrer Wahr-nehmung an der Pulsstelle und Ihrer Wahrnehmung im Brust- und Bauchraum. Wie ist der „Felt Sense“ zu Ihrem Puls?

Bei mir wir nach wenigen Sekunden deutlich, das da etwas ist, das sich zeigen möchte, das aber gleich-zeitig auf dem Rückzug ist. Zudem ist es den Fingern und dem Puls sowohl angenehm als auch ein wenig unangenehm, auf diese Art in Kontakt zu sein. Das brennende Grundgefühl vom Anfang ist nur noch ganz schwach im Hintergrund.

Wollen Sie noch mehr erfahren? Wenn ja, können Sie an Ihre Wahrnehmung von Puls und „Felt Sense“ die Frage stellen, ob sich etwas Konkretes ergeben soll aus all dem? Es ist möglich, dass es genug ist, einfach in Kontakt zu sein. Es ist genauso möglich, dass ein nächster Schritt nur darauf wartet, erkannt und umgesetzt zu werden.

Wiederum nach einigen Sekunden lächelt etwas zufrieden in mir. „Meine Finger am Puls“ zu beschreiben ist genau mein nächster Schritt.

Ist das nicht genial? So viel Information ist im Körper vorhanden. Und sie ist einfach und schnell zugänglich. Was haben Sie erlebt?

Wenn es Sie lockt, können Sie dasselbe mit einer Partnerin machen. Sie vereinbaren, wo Sie den Puls tasten dürfen. Legen Sie die Finger auf diese Stelle. Beschreiben Sie, was Sie wahrnehmen. Pendeln Sie dann zum eigenen „Felt Sense“. Ihre Partnerin beschreibt unterdessen ihr eigenes Wahrnehmen der Berührung und den „Felt Sense“ dazu. Wenn Sie Lust haben, berichten Sie einander. Tauschen Sie dann die Rollen.

Dieses Experiment zeigt etwas vom Erleben, von der Art der Information und der Informations-verarbeitung, das die Focusingpraxis in der Pflege ermöglicht und unterstützt: Ich berühre und werde berührt, ich nehme wahr und pendle zum „Felt Sense“. Auf diese Weise erhalte ich mehr und andere Informationen, als mir über die angelernte Art zugänglich sind. Meine pflegerischen Interventionen entstehen damit aus der Gesamtsituation, in der sich meine Patientin und ich befinden. Focusing bietet mir also eine innere Orientierung, wie ich Wissen und Erfahrung einsetzen kann.

Eine Patientin ist durch ihre Krankheit und den Aufenthalt in der fremden Spitalwelt buchstäblich an einem Abgrund ihres Erlebens. Mit Focusing kann ich ihr an diesem „Edge“ begegnen und ihr mein Pflegewissen anbieten. Gemeinsam entwickeln wir den nächsten Schritt. Und so bin ich genau da, wo ich am liebsten bin: Am Puls von dem, was gerade ist, am Puls von dem, was als nächstes entstehen will.


Annette Kindlimann

The Folio, A Journal for Focusing and Experiential Therapy (1999)

Vol. 18, Nr. 1 (Focusing and Medicine), S. 188 - 189

Englische Version, übersetzt von Eugene Gendlin, FINGERS ON THE PULSE, S. 186 - 187