Lese-Tipp für März 2019

Königin der Berge

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Robert Turin ist 45 Jahre alt, sieht wie 65jährig aus und kann nicht einmal mehr mit 85jährigen mithalten. Die Folgen seiner Multiplen Sklerose (MS) zwangen ihn in Rollstuhl und dann ins Pflege-heim. Er schildert die leidvollen, manchmal absurd komischen Unmöglichkeiten in seinem Alltag, in dem ihm immer mehr von der inneren und äusseren Welt abhanden kommt.

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In Rückblenden lernen wir Robert Turin als charmanten, erfolgreichen Unternehmer kennen. Die MS, er nennt sie die Königin der Berge, zerstört ihm nach und nach das sinnliche Geniessen, unbarm-herzig und machtvoll. Sie teilt ihm Schmerzen, Schwäche, Spastik, Müdigkeit, Ausscheidungs-probleme, Taubheitsgefühle und Seheinschränkungen zu. Herr Turin hält sich den Notausgang der Freitodbegleitung offen. 

Als die Königin der Berge sein Schluck- und Sprechvermögen antastet, setzt sie ihn unter Zeitdruck. Will er die Freitodbegleitung beanspruchen, muss er selbständig schlucken können. Nun genügt es nicht mehr, den Suizid beruhigend in petto zu halten. Herr Turin muss sich festlegen und entspre-chend planen. 

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Distanzierend erzählt Robert Turin von sich meistens in der dritten Form. Regelmässig meldet sich sein verstorbener Kater zu Wort. Zusammen kommentieren sie Vergangenes und Gegenwärtiges. Originell sind Aussagen durchgestrichen, die Robert Turin zu nahe kommen oder die in seiner Umgebung nicht gehört werden wollen. Ganz geschwärzt sind die Worte Suizidversuch und Suizid. In spritzigen Dialogen lernen wir die Menschen aus Robert Turins Umgebung kennen. Manchmal laufen Gesprochenes und die stummen Kommentare dazu parallel in zwei Spalten. Ich lachte oft beim Lesen und war bis zum Schluss neugierig, was als Nächstes geschehen würde.

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Der Autor Daniel Wisser schildert einfühlsam das Dilemma, leben zu wollen und nicht mehr leben zu können. Noch nie habe ich so gescheit, differenziert und humorvoll über den assistierten Suizid gelesen. Wer sich damit auseinandersetzen will, wer einen Einblick in die Welt eines Pflegeheims bekommen möchte, wer sich dafür interessiert, was Untertanen der Königin der Berge am und im Leben hält, dem sei dieses Buch warm empfohlen. Ich war beim Lesen von A bis Z begeistert.

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Daniel Wisser bekam für dieses Buch 2018 gleich zwei Preise, den Österreichischen Buchpreis und den Johann-Beer-Preis. Als Musiker ist er Teil der Band “Erstes Wiener Heimorgelorchester”. 

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Daniel Wisser

Königin der Berge

Salzburg, 2018

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ISBN 978-3-99027-224-4

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Mein Lese-Tipp für März 2019