Lese-Tipp für Juli 2019

Meine Gedanken fliegen wie Schmetterlinge

Wie ich mit Alzheimer lebe

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Die Journalistin Jacqueline Remy interviewt Eveleen Valadon über sieben Monate ein bis zweimal pro Woche. Die 79jährige Eveleen Valadon erzählt von ihrem Alltag mit Alzheimer. Die Diagnose hatte sie vier Jahre zuvor erhalten, die Symptome begleiteten sie schon länger.

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Die Kapitel des Buches beinhalten je ein Gespräch. Jacqueline Remy schildert jeweils kurz die Umstände des Gesprächs und ihren Eindruck von Eveleen Valadon. Die Beiträge von Eveleen Valadon gibt sie danach in der Ich-Form wieder. Das liest sich authentisch und unterhaltsam.

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Zu Beginn der Gespräche gibt sich Eveleen Valadon Mühe, den Schein zu waren. Sie ist Intellektuelle und Künstlerin, sie ist weit gereist und hat viel erlebt. „Anfangs hatte ich grosse Lust, mich in dieses Buch zu stürzen, denn ich sah unser Experiment von aussen. Doch mit Ihnen bin ich jetzt zum Wesentlichen vorgedrungen, und das zerreisst mir das Herz.” Dieser Schmerz lässt sie das Projekt abbrechen, sie kündigt den Arbeitsvertrag. Kurz darauf nehmen die beiden aber das Gespräch wieder auf. Eveleen Valadon hatte darum gebeten. „Es ist ein Paradox. Ihnen genau zu erzählen, was ich erlebe, tut mir weh, aber es erleichtert mich auch. Ich leite ein Gift aus.”

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Die beiden Autorinnen stellen vor, wie Alzheimer Vertrautes verändert und im Alltag leidvoll stört. „Mein Leben besteht darin, meinem Gedächtnis nachzulaufen. Die Worte entziehen sich mir, meine Erinnerungen verflüchtigen sich, und ich renne, um sie wieder einzuholen.” Das ist anstrengend. Eveleen vergleicht ihre Müdigkeit mit einem anhaltenden Jetlag. Selbstverständliches wird ihr fremd: „Mit dem Abendessen wird es immer schwieriger. ... Abends öffne ich dann den Kühlschrank, ich sehe hinein und ich verstehe nicht. Ich interpretiere nicht, was ich sehe. Ich weiss nicht, was zu essen da ist.” All das zu wissen, hilft Eveleen Valadon im Moment nicht weiter. Es macht ihr im Gegenteil Angst. Sie traut sich nicht mehr alleine aus der Wohnung, sie fühlt sich bedroht und ist zunehmend auf Unter-stützung angewiesen. Die Abhängigkeit von anderen bleibt verstörend, beängstigend und beschämend. Was ihr in Not hilft, sind Menschen, “die mir zuhörten, die mich respektieren.”

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Ich empfehle dieses Buch allen, die sich für die Folgen der Alzheimerkrankheit interessieren. Das Erzählte ist für Laien genauso erhellend, anrührend und lehrreich wie für Fachpersonen. Der Respekt für andere Erlebenswelten macht Eveleen Valadons Alltag schön und lebens-wert. Das gilt letztlich für uns alle.  

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Eveleen Valadon lebt alleine in Paris. Sie ist geschieden und Mutter von drei Kindern. Sie leitete eine Presseagentur in Paris, unterrichtete Englisch und war erfolgreiche Malerin. Zur Zeit des Buchprojekts kommt eine Zugehfrau täglich für zwei Stunden zu ihr. 

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Jacquelin Remy ist eine französische Journalistin und Schriftstellerin. Eveleen Valadon vertraut sich ihr an, Jacqueline Remy geht sorgsam mit diesem Vertrauen um. 

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Eveleen Valadon, Jacqueline Remy

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Mes pensées sont des papillons

un témoignage d’Eveleen Valadon

Paris, 2017

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Meine Gedanken fliegen wie Schmetterlinge

Wie ich mit Alzheimer lebe

Aus dem Französischen von Doris Heinemann

München, 2018

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ISBN 978-3-453-28547-7

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Mein Lese-Tipp für Juli 2019