NARRATIVE MEDIZIN

Narrative Medizin

In Krisen erzählen

“Wenn man sich mitten in einer Geschichte befindet, ist es keine Geschichte, sondern nur eine 

grosse Verwirrung; ein dunkles Brüllen, eine Blindheit, ein Durcheinander aus zerbrochenem Glas und zersplittertem Holz, wie ein Haus in einem Wirbelsturm oder wie ein Schiff, das von Eisbergen zerdrückt oder von Stromschnellen mitgerissen wird, und alle an Bord sind machtlos, etwas dagegen zu tun. Erst hinterher wird daraus so etwas wie eine Geschichte. Wenn man sie erzählt – sich selbst oder jemand anderem.”

 Margaret Atwood (1939)

alias Grace, 4. Auflage 1998


Im Gespräch ordnet und entwickelt sich die eigene Geschichte. Damit kann klar werden, worum es 

im Moment geht, was als Nächstes ansteht. Das gibt in Krisen, in unklaren oder neuen Situationen sinnvolle Orientierung.


Eine Geschichte beinhaltet implizit oder explizit eine Fortsetzung, eine Zukunft. Zukunftsenwürfe können dabei erzählend skizziert werden, ohne Handlungsdruck in der Gegenwart. Das öffnet auch in prekären Situationen Spielraum mit wundersamer Wirkkraft.


“… in der Natur des Menschen ist die Rettung durch die Phantasie vorgesehen.”

 Marie Luise Kaschnitz (1901 - 1974)

zitiert nach Elisabeth Borchers, 2002


In meiner   Dissertation zeigt sich, dass sich diese Form des ordnenden Erzählens auch in einer Gruppe mit acht Personen bewährt. Leidvolles, Verwirrendes, Verstörendes bekommt im gemeinsamen Erzählen eine begreifbare Form. Im Austausch geht gleichzeitig Raum auf für Erheiterndes, Beglückendes und Erhofftes.