2001 wurde der langjährige Pflegedienstleiter des Universitätsspitals Zürich, Herr Arnold, pensioniert. Pflegefachleute wurden gebeten, für eine Festschrift aus ihrem Berufsalltag zu erzählen. Dazu schrieb ich:

Trockene Haut

Uff, das ist gerade nochmals gut gegangen! Schweissgebadet sitze ich neben dem 70 Jahre alten Herrn Carl am Bettrand. Auf dem Weg von der Toilette zum Bett war er stehen geblieben. Seine Beine zitterten und knickten ein. Ich stützte ihn. Er reagierte weder auf Fragen noch auf Instruktionen. Ich überlegte, wie ich ihn sicher zu Boden gleiten lassen könnte: Wir hatten beide nicht genügend Kraft, um das noch länger auszuhalten. Da machte Herr Carl plötzlich einen Schritt und noch einen. Er drehte sich am Bettrand und – uff, da sitzen wir nun. Wir atmen beide schnell. Herrn Carls Hände zittern. Ich weiss nicht, ob er so beunruhigt ist wie ich. Er ist weit weg von mir. Obwohl wir so nahe sitzen, dass wir uns fast berühren.

Herr Carl ist gestern am späten Nachmittag auf unsere Abteilung gebracht worden. Eine Erholungs-stätte hat ihn zu uns überwiesen. Als Gründe dafür las ich: Schwerer Soor im Mund und zunehmende Verschlechterung des Allgemeinzustandes. Seine übrigen Diagnosen standen bei der Überweisung im Hintergrund.

Nach dem Durchgehen der Unterlagen stand auf meinem Tagesplan für Herrn Carl: 1-2-mal stündlich Mund spülen, vor Mundspülen und Essen Lokalanästhetika für Mundschleimhaut anbieten, Trink-menge minimal 1,5 Liter, Essensprotokoll, Kontrolle der Medikamenteneinnahme, Unterstützung bei Mobilisation und Körperpflege anbieten, Befindlichkeit und soziale Situation abklären.

Ich sah Herrn Carl zum ersten Mal heute Morgen: Er schlief noch. Schweren Herzens weckte ich ihn. Herr Carl hatte viel zu tun. Mein Pflegeherz blieb schwer: Herr Carl und ich brauchten eine halbe Stunde, bis seine Zahnprothese geputzt, wieder am Platz und sein Mund mit einer schmerzlindernden und desinfizierenden Lösung gespült war. Nach dieser Prozedur legte er sich im Bett zurück und schloss die Augen. Wie sollte er da noch trinken, essen, Medikamente einnehmen, sich bewegen oder pflegen? Und ich musste noch Blut nehmen, ihn überwachen und meine anderen Patienten versorgen.

Ich hatte das Gefühl, ihn durch den Morgen zu schieben, ohne vom Fleck zu kommen. Auf Visite kam neu dazu: „Falls Herr Carl nicht genügend trinken kann, müssen wir ihm eine Infusion legen!“ Eine Infusion schien mir aber gar nicht zu Herrn Carl zu passen. Es war deutlich, dass er keine Hilfe, keine Eingriffe von aussen wollte. Er duldete mich wohl vor allem, weil er zu schwach und zu höflich war, um mich aus seinem Zimmer zu spedieren. Er sprach kaum, seufzte oder schloss einfach die Augen. Ich durfte seinen Mund inspizieren, der rundum entzündet und belegt war. Herr Carl musste starke Schmerzen haben deswegen. Er beantwortete aber dahin gehende Fragen nicht. Da er es offenbar geschafft hatte, sein eigenes Pyjama anzuziehen und regelmässig zur Toilette zu gehen, konzentrierte ich meine Bemühungen auf Herrn Carls Mundpflege und Trinkmenge. Ich ging regelmässig in sein Zimmer, um ihn zum Mundspülen oder zum Trinken aufzufordern. So kam es, dass ich ihm gegen 

14 Uhr auf dem Weg zum Bett begegnete, wo er stehen blieb und 

– es gerade nochmals gut gegangen ist.

Als unser Atem ruhiger wird, beginne ich innerlich abzuwägen, worum ich Herrn Carl als Nächstes bitten soll. Oder ob ich ihn in Ruhe lassen sollte ... aber er hat noch kaum getrunken ... bald ist Nachmittagsvisite ... und die Entscheidung wegen der Infusion ... und seine Frau? ... was ihn wohl beschäftigt? ... aber er mag nicht sprechen.

Ich berühre Herrn Carls Hand und suche seinen Blick. „Mögen sie noch etwas trinken, bevor sie sich wieder ins Bett legen?“, frage ich ihn. Herr Carl schaut mich mit klaren Augen an, gibt keine Antwort. Ich fahre fort: „Ich weiss, ich bin ein Plaggeist heute. Aber sie brauchen Flüssigkeit. Hier an der Haut sieht man das: Sie ist ganz trocken!“ Zur Demonstration des Gesagten fahre ich mit meinen Fingern über seinen Unterarm. Seine Haut lässt sich wie Seidenpapier formen. Herr Carl folgt aufmerksam meinen Ausführungen. Zum ersten Mal seit heute Morgen sind wir auf diese Weise in Kontakt. Er hebt seine Hand. Seine Finger streichen über meinen Unterarm, langsam und vorsichtig. „Ja, ja“, sagt er und nickt dazu, „ihre Haut ist auch trocken.“

Ich bin baff und muss lachen: Wie logisch ist er, und wie absurd ist mein Verhalten! Ich hatte versucht, Herrn Carl an unseren Plan anzupassen. Flüssigkeit, Mundbehandlung et cetera, alles überaus vernünftig, zwingend, notwendig für das Überleben von Herrn Carl. Nur habe ich mich damit immer weiter von Herrn Carl entfernt. Das Zwingende ist nicht möglich. Es ist an der Zeit, den Plan zu ändern. Herr Carl ist auf mich eingegangen, hat mich berührt und hat mich damit zur Besinnung gebracht. Wir lächeln uns an.

Herr Carl mag einen Schluck trinken. Er legt sich danach mit meiner Hilfe wieder in sein Bett und schliesst die Augen. Ich berühre seine Hand, um mich für den Moment zu verabschieden. Er nimmt die meine und drückt sie leicht. Die Schwere in meinem Herzen löst sich auf.

Am Rapport bespricht unser Team die Pflege von Herrn Carl. Wir entschliessen uns, ihn bis auf weiteres palliativ zu pflegen. Wir wollen nicht mehr an ihm stossen und zerren. Das Mögliche ist entlastend: Der von Herrn Carl eingeschlagenen Richtung folgen, ohne zu wissen, wohin die führt. Linderndes erfragen und anbieten. In Kontakt sein mit ihm, Platz lassen für langsame Berührungen, Lachen und Lächeln.

Die Infusion können wir nicht umgehen. Immer seltener beteiligt sich Herr Carl aktiv. Seine Distanz zu uns wird grösser. Es überrascht uns, wie schnell er sich entfernt. Drei Tage später ist er tot. Ich bin dankbar, dass wir ihm seinen Weg nicht mit Überlebenslogik erschwert haben. Die Erinnerung an Herrn Carl macht mich traurig und froh.


Annette Kindlimann

Pflege erzählen. Festschrift für Herrn Josef Arnold, 

Pflegedienstleiter Universitätsspital Zürich von 1970 - 2001 (2001),  S. 77 - 80


Herrn Carls Namen und einige Fakten sind geändert.